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Und da war noch die Arbeit an der Kasse eines Großmarktes...

Erst einmal möchte ich konstatieren, dass die Tätigkeit als Kassierer wesentlich komplexer und anspruchsvoller ist, als man glaubt. Hält man es doch für selbstverständlich, dass man seine Ware nur auf ein Band zu legen hat und die Kassiererin sofort weiß, wo der 8-9 stellige Scancode ist und im Zweifelsfall den 4 stelligen Code für die Warengruppe oder bei Obst den für jede Obstsorte individuellen ebenfalls 4stelligen Code auswendig kennt. Man vergisst aber oftmals, dass der Scancode selten größer als 1 Zentimeter misst und es über hundert verschiedene Früchte, Obstsorten, Gemüsearten und Salate gibt.
Allerdings findet man mit der Zeit den Scancode schon gefühlsmäßig und deshalb sofort, man hat die Nummern für die häufigen Obstsorten im Kopf und kennt die Preise für die nicht ausgepreisten Obstkästchen. Da kommt dann noch hinzu, dass es vier verschiedene Sorten von Gutscheinen und Krediten gibt, dass Weine im Angebot manuell eingetippt werden müssen und man nie weiß, welcher Wein im Angebot ist, sofern man das Prospekt nicht am Wochenanfang auswendig gelernt hat und zu guter Letzt noch dass man trotz erdrückender Hitze auf einen halben Quadratmeter gezwängt ist und nur ganz selten mal eine Pause zum Trinken bekommt.
Und bis dahin sind noch keine Kunden im Spiel! Dieses wehleidige stets unzufriedene und ungeduldige Volk, was mit Samthandschuhen behandelt werden muss und dem immer Höflichkeit und Zuvorkömmlichkeit vorgegaukelt werden soll. Es fängt schon damit an, dass sie sich erst an der Kasse selbst und natürlich erst nachdem man die Ware über den Scanner gezogen hat entscheidet, ob sie sie nun nehmen oder doch nicht. Natürlich kann eine Aushilfe nur Sofortstornos ausführen, das heißt Einzelstornos müssen Kassenaufsichten machen, welche extra gerufen werden müssen. Außerdem ist der Kunde in 80% der Fälle unfähig den Preis richtig zu lesen und entscheidet sich dann nochmals um, weil ihm die Ware doch zu teuer ist. Oder aber er nimmt gar kein Geld mehr, zu wenig Geld, oder die falsche Währung. Ab und zu versucht der Kunde auch mit einer Ec Karte zu zahlen, dessen Einzelteile er erst aus dem Portmonaie hervorgraben und schließlich zusammen puzzeln muss und sich im Nachhinein noch wundert, dass sie nicht mehr funktioniert. Oftmals geschieht es auch, dass man den Kunden den Preis zu erklären versucht, weil sie schlecht sehen. Daraus ergibt sich aber in 90% der Fälle ein Kommunikationsproblem, weil leider die wenigsten Kunden deutschsprachig sind und auch nur ein kleiner Anteil davon Englisch oder Französisch versteht.
Und heute war mal wieder einer der Tage an dem ich nach Gott flehte und den Teufel zu Besuch bekam.

Es fing damit an, dass ich verfrüht Pause bekam. Verfrüht, also genau eine Stunde nachdem ich anfing, woraus sich ergab, dass ich spätere 4 Stunden ohne Unterbrechung arbeiten müsste, was bei einer Innentemperatur von 29° anstrengend sein würde. Und als ich dann meine Pause beendet hatte, wurde ich auch schon an Kasse 1 berufen. Kasse 1! Die Schnellkasse. Sie ist schon einmal für den Kassierer nervenraubend, weil der Kunde meint "Schnellkasse" impliziere eine Wartezeit unter 10 Sekunden. Ab 20 regt er sich auf und nach einer Minute beginnt er mit mündlichen Beschwerdeaufsätzen gegen den Kassierer, nach 2 Minuten droht er zu gehen und ehe man ihn die Drohung zu verwirklichen bitten kann, wirft er einem die Ware so vor die Nase, dass sich meist irgendwelche Flüssigkeiten aus Fleischwaren oder Hygieneartikeln über die Finger des Kassierers ergießen.
Aber gut, Sebb läuft los und setzt sich in die Kasse. Er richtet seinen Stornozettel zurecht, zückt einen Kulli für die Kartenzahlung, meldet sich an und widmet sich mit einem freundlichen "Guten Tag" dem ersten Kunden. Dieser schnauzt zurück, warum wir denn immer so lang bräuchten uns bei der blöden Kasse anzumelden. Da der Tag noch jung war und Sebb noch entspannt und gut gelaunt antwortet jener freundlich, dass die Markt uns leider nicht traue und deshalb einen Haufen Sicherheitsvorkehrungen einbauen würde. Selbstverständlich hatte der Kunde kein Verständnis und bezahlte deshalb wohl absichtlich 2 € zu wenig. Als ich ihn erneut möglichst freundlich drauf hinwies, begann er zu schimpfen und suchte Rotgeld heraus.

Auch nachdem der Kunde 2 € in 1, 2 und 5 Cent Stücken gezahlt hatte, hatte Sebb noch gute Laune, denn der Tag war ja noch jung.
Nur wenige Kunden und geringe Zeit später erfüllte sich der nächste Alptraum. Eine offensichtlich arabische oder türkische Familie hatte sich um den Kassenbereich versammelt (bei solchen Versammlungen bekommen paranoide Menschen es mit der Panik einer Belagerung zu tun, denn tatsächlich ist die ganze Kasse mit kopftuchtragenden Frauen und stämmigen Männern umstellt). Aber das war nichtmal das Problem, viel eher, dass sie unsern kompletten Kleidungsbereich in 2 Körbe gepackt hatte. Kleidung dauert. Denn jedes Kleidungsstück ist reduziert und deshalb einzeln einzutippen und jedes Kleidungsstück besitzt einen Bügel, der nicht mit darf und ein Sicherheitspieper, den es zu entfernen gilt. Also wühlt man sich geschwitzt durch 23 Röcke, und 12 T-Shirts, entsichert die Kleider und reicht sie in Körben weiter. Das kostet immense Zeit und die Schlange scheint ins endlose gewachsen. Also bezahlt die Familie und man fühlt sich seltsam befreit. Nun ist man allerdings mit Geschrei konfrontiert und mag vermag herauszuhören, dass die Kunden unzufrieden mit den Wartezeiten sind, denn eine Schnellkasse müsse ja schnell gehen. Senbb schwitzt, weil es gut warm ist.

Sebb hat noch gute Laune, denn der Tag ist ja noch relativ jung. Also zieht er flix die Sachen eines älteren Herrs über den Scanner und eröffnet ihm, dass er 10,98 € zu zahlen hat. Er grinst, wobei ein fahler Geruch dem jungen Kassierer entgegen steigt und dieser die goldenen Zähne des Kunden bestaunen kann. Der ältere Kunde zieht nun einen Müllsack mit Münzen im Wert von bis zu 20 Cent und verspricht es seien 12 €. In Anbetracht der Tatsache, dass das Auszählen einige Minuten in Anspruch nähmen erwiegt Sebb scheinbar zu offensichtlich das Geld einfach in die Fächer zu schütten und weiter zu machen. Aber die Kassenaufsicht hat sein Gedankengang verfolgt und atmet so tief ein, dass Sebb die Luft wegbleibt. Sie sieht ihn an als wollte sie sagen "Wag dich, und du wirst es nie wieder tun". Mit rotem Kopf zählt Sebb also das Geld, was im Übrigen nur einen Gesamtwert von 10,51 € hat. Der Kunde ist sauer, nimmt seinen Sack Geld und geht ohne die Ware gezahlt oder mitgenommen zu haben. Sebb schwitzt, weil es schon ganz schön warm ist.

Sebb ist immernoch relativ guter Laune, denn der Tag ist ja noch nicht so alt. Er bedient die wartenden und maulenden Kunden rasch, bis eine Dame 22 verschiedene Obst- und Gemüsesorten auf das Band knallt. Ein Schauer läuft Sebb über den Rücken, aber er hat schon viel mehr gemeistert und mit diesem Vorsatz stürzt er sich auf das Obst. Überraschend schnell geht es und er kennt sogar ausnahmsweise alles, was auf der Bande liegt. "So ein Glück" denkt er sich. Doch kaum hat er zu Ende gedacht, ertönt die kreischend hysterische Stimme der Kundin "Das sind doch niemals Äpfel. Das sind Mandarinen". Schon weil Mandarinen und Äpfel sich nichtmal im Geringsten ähneln kommt mir der Zweifel auf, die Kundin könnte sich irren. Dennoch schaut er nach und befindet das Obst erneut für Äpfel. Auf Wunsch der Kundin rufe ich dennoch die Kassenaufsicht, man will ja keinen Fehler machen. Auch die befindet die Frucht eindeutig als Apfel und daraufhin beschließt die Kundin ihre Mandarinen hier zu lassen, obgleich sie Äpfel weniger kosten als Mandarinen und sie im Glaube Mandarinen gekauft zu haben ein Gewinn mächte. Weil die Kassenaufsicht bereits vom Hin und Her Rennen ausser Atem ist, schnauzt sie Sebb an dieser solle sie nicht wegen solchem Schwachsinn rufen. Das leuchtet ihm ein.
Aber Sebb ist immernoch ein klein wenig gut gelaunt, denn der Tag ist ja nur ein wenig alt. Er bedient ungefähr 20 weitere Kunden, bis ein junger sportlicher Araber mit einem Turban seine 102€ teure Ware mit einem Gutschein bezahlen möchte. Dieser ist von dem Ordnungsamt, der einem Sabrin Ahlada Waren im Wert von 100€ erstattet, weil der genannte an einer Querschnitzlähmung leide. Mit einem verwunderten Augenbrauenhochziehen mustert Sebb den sportlichen gesunden jungen Mann und hakt nach, ob er Sabrin Ahlada kenne. Der Araber grinst und schüttelt den Kopf "Habe ich gefunden. Habe ich Gutschein gefunden". Sebb versucht zu erklären, dass der Sabrin Ahlada aber auf dem Gutschein unterschreiben müsste und dass wir den Gutschein ununterschrieben leider nicht annehmen können. Der Araber scheint nicht zu verstehen und rudert beängstigend mit den Händen. Ein Kunde löst sich aus der SChlange und erweist sich als Dolmetscher. Als er mit seiner Erklärung geendet hat, zerreist der Turbanträger den Gutschein und verschwindet. Also räumt Sebb den Warenberg im Wert von 102€ zur Seite, um weiter zu arbeiten. Sebb schwitzt, weils schon heiß ist.

Sebb hat nich mehr ganz so gute Laune, weil der Tag schon älter ist. Direkt nach dem Dolmetscher, dessen freundliches Auftreten meine Laune sogar etwas aufgebessert hat, erscheint eine ungepflegte und nicht nur wegen der Temperatur stinkende Frau. Sie hat 2 Jeans und ein paar Socken gekauft. Sebb zieht alle drei Sachen drüber und verlangt 104,99 €. Sie sucht 5 10€ Scheine raus und ist im Begriff zu gehen, als Sebb die Jeans festhält. Sebb erklärt freundlich, dass sie noch nicht alles bezahlt hätte, aber sie versteht nicht und fordert ihre beiden Jeans ein. Erst als Sebb es erneut erklärt, ist sie bereit die Socken für 4,99 € zurückzugeben, besteht aber darauf beide Jeans mitzunehmen. Inzwischen hat sich die freundliche der beiden Kassenaufsichten dazugesellt, die Sebb auffordert ihr einfach eine Jeans aus der Hand zu nehmen und wegzulegen. Der Obrigkeit stets treu ergeben, greift dieser nach der Jeans. Die Kundin schreit hysterisch: "Was nehmen sie mir meine Jeans weg, das ist meine von meinem Geld gekauft!". Glücklicherweise ist der Sicherheitsbeauftragte heran, der sie geschickt von der Jeans trennt und ihr befiehlt den Markt zu verlassen, falls sie nochmals die Hand gegen einen Angestellten erhebe. Sie läuft schimpfend davon, erscheint aber später wieder und versucht ohne Geld eine weiter Jeans zu erwerben, woraufhin der Sicherheitsangestellte sie aus dem Laden mit 2 Wochen Hausverbot wirft. Sebb schwitzt, weils scheissheiss ist.

Sebb hat Scheisslaune, weil der Scheisstag schon so alt ist. Die folgenden Kunden machen sich über die Verrückte lustig, was das Gemüt des Kassierers wieder ein wenig aufhellt. Aber nur bis zu einer offenbar asiatischen Kündin, die die komplette Bande mit Waren zupflastert. Sebb weist sie freundlich daraufhin, dass dies eine Schnellkasse mit bis zu 10 Waren ist. Sie versteht nicht. Eine chinesische Kollegin übersetzt, aber Sebb erkennt, dass es genauso viel Zeit kosten würde die Waren über den SCanner zu ziehen, wie die Waren wieder aufzusammeln und wieder in den Einkaufswagen zu verfrachten. Also beginnt er zu scannen und kommt auf einen Gesamtwert von 350€ . Erstaunt nennt er ihr die Summe und gleichgültig zieht sie einige Scheine. Sebb schaut erstaunt auf die Scheine, erkennt sie, und erklärt erneut freundlich, dass der Toom Markt leider keine Yin akzeptiere. Sie versteht nicht. Also wird wieder die Kollegin gerufen und übersetzt. Daraufhin zückt die Kundin 30€ und reicht sie Sebb selbstgefällig. Die mittlerweile auch genervte asiatische Kollegin erklärt, dass dies aber zu wenig sei, wesentlich zu wenig. Daraufhin wird die Kassenaufsicht gerufen und Ware für Ware storniert, bis die Kundin hat was sie möchte und bei ihrem maximalen Einkaufswert von 30 € angelangt ist. Genervt verschwindet sie. Sebb schwitzt, weils unaushaltbar heiss ist.

Sebb hat richtige SCheisslaune, weil der Tag schon viel zu alt ist.
Als die letzten Kunden um 20:49 verschwinden (also 49 Minuten nach Ladenschluss und 30 Minuten nach Feierabend), putzt er seine Kasse und zählt das Geld ein. Immerhin 4500 € eingenommen, ohne EC Cash. Der Ausblick auf 3 Wochen Urlaub entlockt dem geschwitzten und nervlich toten Kassierer ein Lächeln. Er trottet aus dem Markt. Ein Arbeitstag wie jeder andere.
13.7.06 23:18
 


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