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Die Verwendung von "Ich" - Sebb versus Deutschlehrer

Der Idee diesen Text zu verfassen liegt eine Kontroverse mit meinem Deutschlehrer zu Grunde, die sehr zu meinem Missempfinden vor der ganzen Klasse statt fand. Nicht, dass ich nicht öffentlich zu meiner Meinung stände oder auch vor Publikum nicht ausreichend formuliert vertreten könnte, muss es doch eine abschreckende Wirkung auf meine Mitschüler gehabt haben, wie penibel mich dieses Problem und vor allem das Urteil meines Lehrers, ich habe es "falsch verstanden" und es sei katastrophal so etwas von mir als Einserschüler überhaupt zu hören, tangiert. Die Kontroverse war entsprechend heftig und die Atmosphäre geschwängert mit sich hochkochenden Emotionen. Kommen wir aber auf das eigentliche Thema zurück: Es handelt sich um die Verwendung des Wortes "Ich" und die Möglichkeit daraus schlussfolgern zu können, ob die Meinung des Ichs die Meinung des Autors repräsentiert. Sicher ist, dass ein Autor in einem Roman fiktive Figuren erfindet, die in ihrem Meinungsbild nicht die Ansicht des Autors vertreten, wenn gleich er sie gut und stichhaltig argumentieren lässt. Umgekehrt nutzt er gelegentlich seine geschaffenen Charaktere als Sprachrohr, womit er uns seine Meinung mitteilen kann. Wie ist es aber bei einem Sachtext? Mein Deutschlehrer vertrat die These ein Sachtext repräsentiere die Meinung des Autors, vor allem wenn sie mit dem Wort "Ich" beginnt. "Es wird eine Meinung widergespiegelt und es gibt keine Anzeichen und keine Gründe dafür, dass es _nicht_ die Meinung des Autors sein sollte. Ich aber werfe ihm vor das Problem von der falschen Seite anzugehen. Ich finde, die Frage bezüglich der Meinung des Autors müsste heißen: "Finde ich Indizien dafür, die in dem Text widergespiegelte Meinung auf den Autor zu beziehen?". Natürlich birgt die Fragestellung einen hohen Schwierigkeitsgrad denn beschäftigt man sich mit dem Erwartungshorizont ihrer Beantwortung kommt man zu der rhetorischen Grundfrage: Kann man überhaupt mit 100 % Sicherheit sagen, dass der Text der Meinung des Autors entspricht? Nein, vermutlich kann man das nicht. Man kann maximal mit hoher Sicherheit sagen, dass die Meinung eines Textes der des Autors gleicht und das dieser den Text als Veröffentlichung seiner Meinung nutzt. Dennoch muss man das Problem stets skeptisch angehen. Mein Deutschlehrer fand darin keinen Sinn und entgegnete: "Wozu sollte ein Autor denn eine Argumentation und schließlich eine Meinung darstellen, wenn er sie nicht vertritt?". Ich wundere mich an dieser Stelle über seine mangelnde Fantasie. Mir fielen gleich mehrere Beispiele ein: Nehmen wir einen Mensch, der kritische Gedanken äußern möchte sie aber nicht auf sich zurück führen lassen will. Systemkritik, die mit Strafen geahndet wird. Oder aber jemand der die Argumentation eines ausländerfeindlichen Rechten darstellt. Vielleicht möchte er mit dem Text nur bewirken, dass die Öffentlichkeit auch rechten Argumenten entsprechend linke entgegenstellt, statt mit Ignoranz und Verachtung zu reagieren. Man darf nämlich nicht vergessen, dass Links und Rechts die Mitte bilden. Es gibt eine ganze Reihe an Gründen die Meinung von jemand anderem darstellen zu wollen, die nicht zwingend der eigenen entspricht, um ein Ziel zu erreichen.
Genauso viele Möglichkeiten der Umsetzung gibt es auch. Da wäre das normale Verfahren ein Roman und in ihm fiktive Personen zu erfinden, die diese Meinung vertreten. Oder aber einen Sachtext zu schreiben und ihn mit dem Personalpronomen "Ich" zu introduzieren. Normalerweise würde man ihn zum besseren Verständnis mit einer Art Einleitung erklären, wie zum Beispiel: "Herr X sprach eines Morgens zu seiner Frau: etc." Wenn man sich diesen Einleitungssatz wegdenkt, ist diese Form des Schreibens immernoch möglich. Ab dem Punkt, wo Anführungszeichen zu Beginn des Textes stehen, kann man von eine Rede, wenn auch einen Monolog erwarten, der nicht zwingend die Meinung des Autors ausdrückt.
Ein kleines Beispiel:

Sebastian Braun - "Gegen Ausländer"

"Ich bin 55 Jahre alt, und arbeitsloser Bauarbeiter. Mein Leben lang schuftete ich auf der Baustelle, aber jetzt ist ein neuer Jungspund angetanzt. Der spricht zwar nur bedingt deutsch, aber er ist jünger und kräftiger und ersetzt mich. Er heißt Mohammed und kommt aus der Türkei. Deshalb bin ich gegen die Einwanderung von Ausländern. Mein Arbeitgeber kann wenig dafür - er muss sehen, was für das Unternehmen das beste ist. Ich kann nichts dafür, denn ich kann nur leisten was ich leiste. Auch Mohammed kann nichts dafür, denn er sucht ein neues Leben und Arbeit und will mit Sicherheit keinen verdrängen, aber er will nun mal arbeiten und nicht wie ich jetzt an dem Existenzminimum leben, 1 € Jobs betreiben und Müll vor Schulen aufsammeln, um wenigstens Arbeitslosengeld zu bekommen und dann noch auf eine minimale Rente hoffen, die mich sowieso vielleicht gerade mal durchbringt. Der einzige, der Schuld trägt, ist der Staat! Er hat dafür zu sorgen, dass sein soziales Sicherungssystem funktioniert und das das eingenommene Geld den Bürgern wieder zu Gute kommt. Die Einwanderung von Ausländern ist dafür meistens Gift! Wie oft kommen gut ausgebildete Arbeitskräfte ins Land, die unseren Unternehmen so gute Gewinne bringen, dass wir alle davon profitieren? Aber wie oft kommen Ausländer rein, die weder gut deutsch sprechen noch überhaupt eine Aussicht auf ein guten, langfristigen Job haben? Dann sind sie hier, arbeiten ne Weile im Handwerk, werden eingebürgert, arbeiten weitere paar Jahre und werden danach arbeitslos und schon müssen alle deutschen Arbeitenden sie finanzieren. Deshalb bin ich gegen eine Einwanderung. Wir werden mit dem größten Problem der Arbeitslosigkeit eher fertig, wenn nicht neue (potentielle) Arbeitslose dazu kommen."

In diesem Text habe ich offensichtlich eine fiktive Person erfunden. Sie vertritt eine Meinung, die absolut nicht der meinen entspricht, sogar im Gegenteil. Aber ich wollte dennoch etwas erreichen. Ich möchte Leute darauf aufmerksam machen, dass die Argumentation rechts Gesinnter nicht immer schlecht und keinenfalls mit Ignoranz zu strafen ist. Die NPD gewinnt in manchen Kommunalwahlen Sitze und das ist kein Grund sie zu ignorieren, sondern ein Grund sie am politischen Leben teilhaben zu lassen. Wenn sie tatsächlich falsch liegt, gilt es sie und damit auch die ihr folgenden Bürger zu überzeugen. Schließlich vertritt sie das Volk.

Man kann die Verwendung des Personalpronomen Ich also vielfach und zu vielen verschiedenen Aussagen nutzen.

Zu dem Thema Sebb versus Herr Wolf kann man anführen, dass er mir heute riet "extravagante" Wörter wie Introduktion nicht in Klausuren zu verwenden, weil er sie als Fehler anstreiche. Solche Wörter "befremden" sowohl ihn als auch andere Deutschlehrer. Es sei denn ich zeige ihm ein Buch, in dem das Wort tatsächlich für "Einleitung" verwandt wird. Nur weil das im Duden stände, sei das noch lange nicht so zu benutzen.
Aus dem Duden: "Introduktion

In|tro|duk|ti|on [f. 10] Einleitung, Vorspiel; Syn. [kurz] Intro [
Am vorigen Tag hatte er der Klasse die Erweiterung des Wortschatz und die verwendung lateinischer Wörter und Bezeichnungen statt den deutschen (Adjektiv statt Eigenschaftswort) empfohlen.
16.2.07 16:06
 


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